






Jokinen

100.000 Bilder
In den 1920er Jahren bediente sich die physische Anthropologie
zum ersten Mal der Photographie. So wurde die Sammlung und Bewertung großer
Mengen menschlicher Körper-Bilder möglich.
Mit dem bildgebenden Medium gelang es, die Thesen der „morphologischen
Rassentypologie“ - also der Einordnung und Beurteilung des Menschen aufgrund seiner
körperlichen Merkmale - zu verbreiten. Zur schnellen statistischen Erfassung des
Bildervolumens verhalf das Holleritt-Lochkarten-Verfahren, die erste maschinelle
Datenverarbeitung.
100.000 Körper
und Schädel vermaßen schwedische Wissenschaftler im Zeitraum eines Jahres im Auftrag
des Leiters Herman Lundborg am weltweit ersten „Rassenbiologischen Institut“ an der
staatlichen Uppsala Universität.
Im Institutsarchiv finden sich noch heute tausende Photographien von nackten Menschen
aus Schweden und Finnland. 1926 brachte Lundborg sein bebildertes Buch The racial
characters of the Swedish nation / Rassenkunde des schwedischen Volkes heraus, das
international viel Lob und Beachtung fand, vor allem in Deutschland und
den USA.
unsichtbar / sichtbar
Vom photographierten und maßgenommenen Körper versuchten die Wissenschaftler,
direkte Schlüsse für angebliche, un-sichtbare Charaktereigenschaften zu ziehen. Die
Rassenbiologie aus Uppsala konstruierte vermeintlich „höherwertige“ Schweden und
„minderwertige Ostbalten“ (Finnen) und „Lappländer“ (Same).
Bildmanipulation
Augenscheinlich ist die krasse photographische Manipulation der Körper-Bilder, mit der
Lundborg „Rassenunterschiede“ suggerierte, etwa „Schönheit“ oder „Hässlichkeit“ der
Völker. So variieren die Bildgrößen stark je nach „Wertigkeitsskala“. Mehr oder weniger
vorteilhafte Lichtsetzung und Aufnahmewinkel, große Altersunterschiede zwischen den
Abgebildeten und gerade oder gekrümmte Körperhaltung sollten die „rassische
Hierarchie“ bildhaft unterstreichen.
Selektion
Die an der Uppsala Universität entwickelte Rassentheorie wurde Staatsdoktrin und hatte
unmittelbare bevölkerungspolitische Folgen. Zwischen 1935 und 1974 wurden 63.000
Schweden sterilisiert. 16.000 als „minderwertig“ geltende Menschen wurden einer
Zwangssterilisierung unterzogen.
Das Gedankengut aus Schweden wurde vom nazifizierten Kaiser-Wilhelm-Institut in
Berlin übernommen und direkt in die Euthanasie-Praxis umgesetzt. Die Hollerith-
lochkarten ermöglichten die Erfassung von Bevölkerungsdaten ebenso wie die
Organisation des Holocaust.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die Begeisterung für die Rassenbiologie unter den
amerikanischen Wissenschaftlern deutlich nach.
sichtbar / unsichtbar
Die Rassentheorie ist heute einer populationsgenetischen Betrachtungsweise gewichen.
Die unsichtbaren Gene können erst durch technologische Verfahren sichtbar gemacht
werden. Doch jenseits der Ethik-Kommissionen erscheint am Horizont die Vision des
„Menschen-Designs“. Mit „guten Genen“ verbinden wir Vorstellungen von sichtbar
„schönen“ Körpern und unsichtbar „guten“ Charaktereigenschaften. Der optisch
Ansprechende wird assoziativ gleich mit Stärke, Gesundheit und Intelligenz verbunden,
der „Andere“ mit Schwäche und schäbigem Innenleben. So sehen heute nicht wenige
Humangenetiker in der morphologischen Rassentypologie einen Vorgänger, der neuere
genetische Erkenntnisse unterstützt.
„Die Rassenbiologie war keine Pseudotheorie. Wissenschaftlich
war sie genauso fundiert wie die Genforschung heute.“
schwedischer Historiker, 1998
„Rassenbiologie war Spitzenforschung. Damals haben die Wissenschaftler äußere
Merkmale untersucht, heute erforschen wir die Gene - das ist
der einzige Unterschied.“
finnischer Molekülbiologe, Uppsala Universität, 1998
„Ich warne vor genetischer Auslese. Die Gefahren sind ähnlich wie in
der Pflanzenveredelung. Plötzliche Veränderungen in der Natur können
die veredelten Arten vernichten. Vielleicht überlebt dann gerade das Unkraut.“
britischer Wissenschaftler am Institut für Medizin und Genforschung, Uppsala Universität,
1998
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